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Mehren: Von großem Frust und einem bisschen Trost

Mehren/Bergisch Gladbach : Von großem Frust und einem bisschen Trost

Der aus der Vulkaneifel stammende Leichtathlet Karl Fleschen erinnert sich an den Olympia-Boykott von 1980.

„Es war tiefer Frust“, sagt Karl Fleschen. Als einige mit den USA verbündete Staaten, darunter die Bundesrepublik Deutschland, 1980 dem Aufruf zum Boykott der Olympischen Spiele in Moskau folgten, brach für den aus dem Eifelort Mehren stammenden Fleschen zwar nicht die Welt zusammen, ein Schlag war es aber trotzdem. „Es war für mich ein Trost, dass ich schon 1976 dabei sein durfte.“ Als jüngstes Mitglied der bundesdeutschen Leichtathletikmannschaft schied der damals 21-Jährige, der 1977 von der LG Vulkaneifel zum TSV Bayer 04 Leverkusen wechselte, zwar im 1500-Meter-Vorlauf aus, galt aber als einer der Hoffnungsträger. Zu Recht: 1977 und auch im Olympiajahr 1980 wurde Fleschen Hallen-Europameister über 3000 Meter. 1978 lief der in Mehren nahe Daun aufgewachsene Läufer, der von LGV-Gründer Christoph Müller 1971 entdeckt wurde, den weiterhin aktuellen deutschen 25-Kilometer-Straßenlaufrekord von 1:13:58 Stunden. Ein Jahr später ließ er noch noch höher einzuschätzende 27:36,8 Minuten über 10 000 Meter folgen. Das war 1979 Weltjahresbestzeit und bis 1997 lief kein Westdeutscher schneller. Erst dann schraubte Dieter Baumann den gesamtdeutschen Rekord auf 27:21,53 Minuten. „1980 wäre genau meine Zeit gewesen“, sagt Fleschen. „Ich habe nicht das Gefühl wie Guido Kratschmer, dass ich eine Medaille verloren habe.“ Der Mainzer Zehnkämpfer Kratschmer wurde als Zehnkampf-Weltrekordler um die mögliche olympische Goldmedaille gebracht. Aber vorne mitlaufen hätte Fleschen in Moskau auf jeden Fall können. Und vielleicht wäre es dann doch eine Medaille geworden.

Aber daraus wurde bekanntermaßen nichts. „Ich habe den Sinn der Maßnahme nie verstanden“, sagt Fleschen zum Olympia-Boykott 1980 (siehe Info). Allerdings kam die Entscheidung des westdeutschen NOK nicht ohne Vorwarnung. „Das hatte sich schon in der Hallensaison angekündigt. Überraschend war, dass letztlich nur so wenige Länder nicht nach Moskau gefahren sind.“ Nachdem der Saisonhöhepunkt abgesagt war, sei die Luft erst einmal raus gewesen. „Aber ich habe gedacht, in vier Jahren bist du noch mal dabei. Aber vier Jahre sind halt doch eine lange Zeit“, erzählt der seit vielen Jahren in Bergische Gladbach lebende Fleschen.1984 war er dann ein Grenzfall. Die 5000-Meter-Olympianorm von 13:30 Minuten verfehlte er um acht Hundertstelsekunden. Im Nachhinein sei es aber richtig gewesen, dass man ihn nicht nach Los Angeles mitgenommen habe.

Die Situation heute mit den auf 2021 verschobenen Olympischen Spielen schätzt Fleschen anders ein als die 1980. „Es ist wahrscheinlich weniger frustrierend als damals“, sagt er. „Es trifft alle gleich.“ Bereits qualifizierte Sportler dürften sich außerdem schon freuen, im kommenden Jahr in Tokio dabei zu sein. „Für uns waren die Spiele endgültig ausgefallen. 1984 hat sich niemand mehr dafür interessiert, wenn man 1980 die Quali hatte.“

Dass womöglich eine komplette Saison ausfällt, sieht Fleschen nicht so dramatisch. Das könne auch dann passieren, wenn man verletzt sei. „Wenn bei mir eine ganze Saison ausgefallen wäre, ich glaube, das hätte mir gut getan“, sagt er und bilanziert im Nachhinein: „Ich hatte zu viele Wettkämpfe.“ Die Rennen sind für professionelle Läufer heute aber wichtiger, als vor vier Jahrzehnten. „Ich habe mich nie als Profi bezeichnet, sagt der 64 Jahre alte Ingenieur.