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Radsport hat für Hannah Ludwig in Corona-Zeiten etwas von Videospielen

Radsport : Radsport wie ein Videospiel

U-23-Zeitfahr-Europameisterin Hannah Ludwig kann sich auch ohne Radrennen gut motivieren. Die 20-Jährige aus Traben-Trarbach fand in den vergangenen Monaten großes Gefallen an virtuellen Radrennen und -training.

Der nächste Termin steht bei Hannah Ludwig schon an. Knapp eine halbe Stunde bleibt der 20-Jährigen für ein Telefonat, dann muss die amtierende U-23-Europameisterin im Zeitfahren (Video) zurück in den Rennradsattel. Nicht irgendwo auf dieser Welt für ein Rennen oder im Trainingslager, sondern in ihrem Elternhaus in Traben-Trarbach. Hannah Ludwigs Rennrad ist auf einen Rollentrainer gespannt. Sie fährt vor dem Fernseher eine virtuelle Strecke ab.

Am Donnerstagvormittag ist es Training. „Leute aus aller Welt können mit uns fahren. Ich bin heute die Anführerin einer Gruppe“, erzählt die Profi-Sportlerin beim Team Canyon SRAM. Auf die Ausfahrt freue sie sich ganz besonders, weil ihre britische Trainerin Holly Seear dabei ist. Hannah Ludwig findet die Möglichkeiten virtuell unterschiedliche Strecken abzufahren „ziemlich cool“. Auch, weil man sich dank Internet über Zeitzonen hinweg mit seinen Trainingskollegen unterhalten kann. „Man hat das Gefühl, dass man immer miteinander verbunden ist.“

Profi-Radsportlerin Hannah Ludwig kann sich zwar gut fürs Training motivieren, die wegen der Corona-Pandemie ausgefallenen Rennen fehlen der 20-Jährigen aus Traben-Trarbach aber trotzdem. Foto: Holger Teusch

Auch wenn es ihr momentan wohl wie allen anderen gehe, dass sie das Ende der Einschränkungen, auch im Wettkampfbetrieb, herbeisehne: Große Motivationsprobleme hat Hannah Ludwig während der coronabedingten Kontaktsperren in den vergangenen Monaten nicht. „Ich habe mir immer gedacht: Ich fahre gerne Rad.“ Das durfte und das tat sie dann auch. „Ich habe mir neue Strecken gesucht, bin nach der Karte durch die Region gefahren“, erzählt die Moselanerin. In der Vor-Corona-Zeit wählte Hannah Ludwig je nach geforderten Trainingsinhalt den geeigneten Parcours aus nur rund zehn Streckenvarianten aus. In den vergangenen Wochen hatte sie mehr Freiheiten. Es ging beispielsweise 170 Kilometer zum Laacher See und zurück oder auf zwei unterschiedlichen Touren nach Saarbrücken. Einmal mit, einmal ohne Überquerung des 818 Meter hohen Erbeskopfs.

Trotz des guten Wetters trainierte sie aber auch viel drinnen auf der Rolle. Da ihre Canyon-SRAM-Mannschaft vom Hersteller einer Sportapp gesponsert wird, fuhr Hannah Ludwig mit Teamkolleginnen beispielsweise aus Spanien, die wochenlang nur drinnen trainieren konnten, virtuell zusammen. „Das ist dann wie ein Videospiel“, erzählt die Radsportlerin, die beim RSC Stahlross Wittlich ihre Karriere startete.

Höhepunkt war das live auf Eurosport übertragene Etappenrennen Zwift's Tour for All Anfang Mai, bei dem ihr Canyon-SRAM-Team den zweiten Platz belegte. „Ich würde es als das härteste bezeichnen, was man auf dem Rad machen kann“, sagt die Traben-Trarbacherin. Ein bis zwei Stunden fahre man fast die ganze Zeit am Anschlag. Der Tretwiderstand, die Leistung, wird mit Rollentrainer von der App je nach Streckenprofil und Rennsituation eingestellt. Man kann sogar das Fahren im Windschatten simulieren. Und das ganz ohne Ansteckungsgefahr. „Man darf sich nur nicht vorstellen, dass sich das genauso so anfühlt wie draußen“, schränkt Hannah Ludwig ein.

Für das „Radrennen im Wohnzimmer“ mussten im Haus von Familie Ludwig extra zwei Löcher in eine Wand gebohrt werden, um die nötige schnelle Internetverbindung herzustellen. „Ich schätze, wir haben jetzt das schnellste WLAN in ganz Traben-Trarbach“, scherzt Hannah Ludwig.

Zirka 20 (reale) Rennen hat sie bisher wegen der Corona-Pandemie verpasst. Eine schwere Situation für die Radsportmannschaften. „Zwei Teams haben schon zugemacht“, erzählt Hannah Ludwig, die froh ist, dass Canyon-SRAM den Blick nach vorne auf eine späte Saison von August bis November richtet. Natürlich mit großen Fragezeichen vor allem wegen Reisebeschränkungen.

Profi-Radsportlerin Hannah Ludwig aus Traben-Trarbach fährt momentan virtuelle Rennen, hofft aber noch auf einen späten Saisoneinstieg. Foto: privat/Screenshot Hannah Ludwig
Profi-Radsportlerin Hannah Ludwig aus Traben-Trarbach fährt momentan virtuelle Rennen, hofft aber noch auf einen späten Saisoneinstieg. Foto: privat/Screenshot Hannah Ludwig

Dass die Olympischen Spiele nun auf 2021 verschoben sind, darin sieht Hannah Ludwig weder Vor- noch Nachteile für sich. „Ich zwar in der näheren Auswahl, aber es sind noch viele erfahrene Leute da. Ich bin da sehr entspannt. Ich denke, alles kommt zu seiner Zeit“, sagt die 20-Jährige. Sie ziehe ihre Motivation weniger von speziellen Veranstaltungen. „Ich habe Leistungsziele, nicht Eventziele“, erklärt Hannah Ludwig. Deshalb fällt ihr das Training momentan auch leichter, als manch anderem Sportler.