1. Meinung

Die Kulturwoche, betrachtet von Rainer Nolden

Film : Senta Berger und der Fluch der Übersetzung

Mal sehen, ob wir diese Kolumne füllen können, ohne dieses Dingsda … na, Sie wissen schon, auch nur einmal zu erwähnen.

Sie waren jung und brauchten das Geld. So erklären arrivierte Schauspieler(innen) gern Fehltritte in der Anfangszeit ihrer Karrieren, wenn sie in fragwürdigen bis anrüchigen Filmchen mitwirkten. Sogar Senta Berger, mittlerweile 78 und zweifelsfrei eine der ladylikesten Schauspielerinnen in der deutschsprachigen Film- und Fernsehlandschaft, sah sich zu einer Stellungnahme bezüglich eines italienischen „Softpornos“ gezwungen, der dieses Etikett nur in Deutschland verpasst bekommen hatte – und das auch nur wegen der plump-vulgären Synchronisation (an der mitzuwirken Frau Berger sich strikt geweigert hatte) und des deutschen Verleihtitels, der sich seinerzeit – 1970 – passgenau in die Riege kinematografischer Perlen wie „Unterm Dirndl wird gejodelt“ oder „Liebesgrüße aus der Lederhose“ einfügte. „Quando le donne avevano la coda“, so der italienische Originaltitel, kam mit der Knallzeile „Als die Frauen noch Schwänze hatten“ in bundesrepublikanische Lichtspielhäuser. Nun muss man dazu sagen, dass „la coda“ zwar „der Schwanz“ heißt, aber lediglich im Sinne von Schweif (eines Tieres oder eines Kometen). Das Wort, auf das der deutsche Übersetzer damals meinte anspielen zu müssen, heißt im Italienischen ganz anders, und wir werden den Teufel tun, es an dieser Stelle niederzuschreiben, ist dieser Text doch ab 6 Jahren zur Lektüre freigegeben.

Zurück zu Frau Berger, die Ende der 1960er Jahre bereits auf knapp 50 mehr oder weniger gut gelungene Filme zurückblicken konnte. Nichts Böses ahnend fuhr sie zur Arbeit nach Italien, im Gepäck das Drehbuch, an dem die renommierte Regisseurin, Feministin und aus einer Schweizer Adelsfamilie stammende Lina Wertmüller mitgewirkt hatte. Dem Regisseur Pasquale Festa Campanile, der für Luchino Visconti das Drehbuch zu „Rocco und seine Brüder“ geschrieben hatte, war die Schauspielerin ohnehin freundschaftlich verbunden, und zeitweise geisterte sogar der Name Umberto Eco durch die Liste der Beteiligten (was dieser jedoch später als „Erfindung eines Witzboldes“ abtat). Mit anderen Worten: Alles deutete auf einen wertvollen kulturellen Filmbeitrag hin, dessen sich im Lande eines Fellini und de Sica niemand zu schämen brauchte. Lina Wertmüller beschrieb das Projekt folgendermaßen: „Natürlich ist es eine Komödie, aber auch eine Parodie auf all diese schrecklichen Filme, die in der Steinzeit spielen, und eine Satire auf unsere Gesellschaft, in der die Rollen sich verkehren und die Frauen den Männern – die so aparte Namen wie Grr, Put und Zog tragen – sagen, wo’s langgeht.“ Senta Berger erinnert sich, dass der Film in Italien ein „riesiger Erfolg war“ und die römische Gesellschaft mit allen Verflechtungen, von Politik, Wirtschaft und Korruption“ karikierte. Doch sie hatte die Rechnung eben ohne jene deutsche Journalisten gemacht, die in Unkenntnis der Originalfassung nicht müde wurden zu behaupten: „In Italien hat sie auch einen Softporno gedreht.“ Was freilich weder das Burgtheater noch andere renommierte deutschsprachige Bühnen davon abgehalten haben, weiter mit ihr zu arbeiten.

Am Samstag ist Senta Berger übrigens zum letzten Mal – und ohne den geringsten Pornoverdacht – in der ZDF-Reihe „Unter Verdacht“ als Polizeirätin Dr. Eva-Maria Prohacek zu sehen (20.15 Uhr). Und dieser Artikel vermutlich eine der ganz wenigen virenfreien Zonen in der heutigen Ausgabe! no/dpa