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Die Woche im Blick
Früher war alles viel besser

FOTO: TV / Friedemann Vetter
Haben Sie sich schon einmal das „Früher“ zurückgewünscht? Standen Sie kopfschüttelnd da und dachten, dass die Kinder und alle Jüngeren früher anständiger waren? Dann sage ich: Willkommen im Club der Spießer! Von Thomas Roth

Zu Ihrer Beruhigung: Ich habe mich selbst ertappt, ab und an zu diesem Club zu gehören.

Testen wir einmal, ob unser Club recht hat: Heute finden Sie bei uns auf der Kulturseite eine Geschichte, die ich Ihnen empfehle: Es geht um Besucher, die ins Theater ihren Sekt mitbringen und schlürfen, es geht um knisternde Chipstüten und um klingelnde Smartphones. Ein Verfall der Sitten? Bestimmt, aber eben nur bei wenigen, und es ist wichtig, das im Blick zu haben, um nicht unnötig die Vergangenheit zu verklären.

Eines ist wichtig: Respekt vor der Arbeit anderer zu haben und anständig mit allen umzugehen, hat nichts mit Alt oder Jung zu tun, nichts mit konservativ oder progressiv. Manchmal bin ich übrigens gerne Spießer: Anderen zuzuhören sollte zum Beispiel jedes Kind lernen. Ebenso wie einen Streit ohne Schläge und Schimpfworte zu lösen. Dies gilt aber nicht nur für Kinder und Jugendliche: Wir Erwachsenen müssen das ebenso achten und vorleben.

Oft gehört: Die Kinder haben keinen Respekt mehr vor Älteren. Die Jüngeren hängen nur am Handy. Das ist schnell dahingesagt, aber es ist ebenso einfach und wichtig, dies manchmal anders zu betrachten. In dieser Woche tat es in einem sehenswerten Interview Christian Streich, der mit angeblich verwöhnten jungen Männern schon beruflich oft zu tun hat. Der Trainer des Fußball-Bundesligisten SC Freiburg stellte die berechtigte Frage, wer die Kinder und Jugendlichen denn so verwöhnt habe? Er wechselte die Perspektive und zeigte, völlig  zu Recht, eines: Im Verhalten der Mädchen und Jungen ist vor allem zu sehen, was wir ihnen beigebracht haben, was wir ihnen vermitteln oder eben auch nicht. Und es ist zu sehen, wie sich die Welt verändert – und immer noch bestimmen dies vor allem die Älteren.

Wenn etwa Schülerinnen und Schüler bei Fridays for Future auf die Straße gehen, dann ist das bemerkenswert. Es lohnt sich, mit ihnen zu sprechen. Es lohnt sich ebenso, mit ihnen zu diskutieren, ob das eigene Verhalten wirklich umweltfreundlich ist. Es lohnt sich, mit ihnen zu streiten, welche Lösungen die Umwelt schützen – und die Wirtschaft. Es lohnt sich, zu diskutieren, wie unsere Orte, unsere Region, unser Land in Zukunft aussehen könnten und was wir dafür ändern müssen. Derzeit findet aber eher eines statt, etwa auf Facebook: Erwachsene Befürworter und Gegner der Aktion übertreffen sich damit, in Klimaretter oder Schulschwänzer einzuteilen. Kaum zu Wort kommen dabei übrigens die Kinder selbst.

Die sind – wie wir früher auch – gerne dort unterwegs, wo sie unter sich sind. Facebook ist out, weil Mama und Papa da sind. Unsere Kinder sind wohl vor allem eines: uns viel ähnlicher, als wir denken. Mal rebellisch unterwegs, mal um Rat suchend. Wenn wir Erwachsenen uns nur über das Erste beschweren und das Zweite verpassen, sind wir, egal ob Spießer oder nicht, vor allem eines: selbst schuld.

t.roth@volksfreund.de