Kommentar: Alle müssen jetzt an die Strukturen ran

Kommentar : Alle müssen jetzt an die Strukturen ran

Nein, das ist kein Angriff auf unsere freiheitlich demokratische Grundordnung. Und nein, niemand will die demokratischen Möglichkeiten der Wählerinnen und Wähler beschneiden. Aber ja, wir sollten alle mal in Ruhe darüber nachdenken, ob im kommunalen Bereich dieses Ungetüm von Kumulieren und Panaschieren nicht doch völlig überdreht ist.

Nur mal so: Wer in einer Gemeinde mit rund 1500 Einwohnern lebt, hatte gestern die Möglichkeit, rund 100 Stimmen zu vergeben. Im Dorf kennt man die allermeisten Kandidaten ja noch, auf Verbandsgemeindeebene  wird es selbst für politisch Interessierte schon schwieriger, und beim Kreistag ist das fast Russisch Roulette. Viele Namen sagen einem nichts, egal auf welchem Listenplatz sie stehen.

Also, was tut der Wähler? Am Ende das, was die  Parteien sowieso wollen: Er wählt die, die er kennt, egal auf welchem Listenplatz sie stehen. Im günstigsten Fall  quer durch den Gemüsegarten, also die Listen, aber das war’s dann auch. Ziemlich dünn, wenn man den irren Aufwand bedenkt, den dieses Wahlsystem mit sich bringt.

Dabei soll doch angeblich mit dieser Stimmenhäufung und unterschiedlichen Verteilung der Stimmen auf mehrere Listen das genaue Gegenteil erreicht werden. Wird es aber in den seltensten Fällen. Weil der Normalwähler und die Normalwählerin den Überblick längst verloren haben.

Wobei sich dieses Stimmenchaos ja durchaus auch kleiner machen ließe, wenn man denn wollte und sich traute. Wir leisten uns sage und schreibe fünf  Verwaltungsebenen: die Landesregierung, die Landesbehörden SGD Nord, Süd und ADD, mit Außenstellen versteht sich. Dann kommen die Kreise, die Verbandsgemeinden und die Ortsgemeinden. Ginge das nicht doch ein klein wenig schlanker, mit  einer Ebene weniger? Zum Beispiel Kreise weg,  die Verbandsgemeinden entsprechend größer? Oder ohne Ortsgemeinden, von denen es allein in unserer Region mehr als 500 gibt und für die man immer seltener  einen Ortsbürgermeister findet?

Wer glaubt, das sei der Untergang des Abendlandes, der schaue sich mal in der Einheitsgemeinde Morbach um oder in den vielen Mehrdörfergemeinden in unserer Region: Da leben die Menschen glücklich und zufrieden, da stimmt das Geld, das Vereinsleben, da geht nichts den Bach runter, außer einer Menge Vorurteile.

So lausig die  kommunale Gebietsreform bisher auch umgesetzt wurde, desto mutiger müssten die politisch Verantwortlichen sein. Nirgendwo in der Region Trier gab es bisher in den  fusionierten Verbandsgemeinden interne Revolutionen. Fast alles lief nach anfänglichem Geruckel und Gezuckel geräuschlos.

Egal, wie die  Wahlergebnisse von gestern letztlich ausfallen, die bisherige  Organisationsform  unseres Gemeinwesens hat sich überlebt und mit der Lebenswirklichkeit vor Ort schon nichts mehr zu tun.  Da müssen die Verantwortlichen jetzt ran, auch und nicht zuletzt die Gewählten vor Ort.

 Erste hoffnungsvolle Ansätze gibt es. In den nächsten fünf Jahren  ließe sich eine  Menge bewegen.

Nicht zuletzt im Sinne der  jetzt häufig überforderten Wähler, die vor lauter Möglichkeiten am Ende nicht mehr wirklich  durchblicken.

Foto: TV/Klaus Kimmling

d.schwickerath@volksfreund.de